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Was passiert, wenn ein Infusionsdienst auf ein Metal-Festival fährt? Vier Tage Stand, 45.000 Menschen und ein Thema, über das kaum jemand spricht.
Flugplatz Dinkelsbühl, Mitte August. 45.000 Menschen, ausverkauft, weit über 30 Grad und ein Boden, der nach Wochen ohne Regen nur noch aus Staub besteht. Vom 12. bis 15. August war Summer Breeze Open Air.
Mittendrin, auf der grünen Fläche außerhalb des Infields: ein schwarzer Pavillon mit einem grünen Logo, das sonst eher an Klinikfluren und Patiententüren hängt.
Wir waren zum ersten Mal mit einem eigenen Stand dabei. Was wir mitgenommen haben, ist deutlich mehr als Sonnenbrand und leere Kartons.
Ein Infusionsdienst auf einem Metal-Festival?
Zugegeben, wir waren uns selbst nicht ganz sicher.
Unser Alltag besteht aus Ports, parenteraler Ernährung, Antibiotikatherapien und Menschen, die nach einer Klinikentlassung zu Hause weiterversorgt werden. Das ist ein Thema für Arztzimmer und Küchentische, nicht für ein Festivalgelände.
Dass wir trotzdem gefahren sind, hat einen Namen: Yvonne.
Yvonne hat vor neun Jahren ein multiples Organversagen überlebt. Sie lebt mit Kurzdarmsyndrom, mit einem Port, mit parenteraler Ernährung. Und sie hatte diesen einen Wunsch: einmal auf ein richtiges Metal-Festival. Mehrere Tage. Nicht Tagesticket, nicht kurz vorbeischauen.
2025 hat sie genau das getan, begleitet von einem Filmteam. Daraus ist „Diagnose: Festivalfieber“ geworden. 49 Minuten, Regie Andy Brings, Premiere am 22. Juli im Eulenspiegel in Essen, seitdem kostenlos auf YouTube. Es gibt einen Satz von ihr im Film, der bei uns allen hängengeblieben ist: „Ich habe mich nie so wirklich getraut.“
Als klar war, dass wir 2026 selbst nach Dinkelsbühl fahren, ging es deshalb nie um einen Messestand im klassischen Sinn. Wir wollten da sein. Ansprechbar. Vier Tage lang.

Der Aufbau, oder: der Boden war Beton
Unser Platz lag direkt neben der Hardcore Help Foundation. Ein 3x3- und ein 3x6-Pavillon nebeneinander, Drop-Flags, bedruckte Bauzaunplanen, Kundenstopper zur Fläche hin. Wer dort langlief, kam an uns nicht vorbei.
Aufgebaut wurde ab Montag. Oliver Kleineidam, Kersten Böse-Kleineidam, Katharina Wietholt und Thomas Lepke haben angefangen, am Dienstag kamen Lisa Pieper und Philipp Simon dazu, am Mittwoch der Rest. Der ausgetrocknete Boden hat die Verankerung deutlich länger dauern lassen als geplant, mit viel Fluchen und wenig Schatten. Dafür stand der Stand dann auch bei Wind.
„Was macht ihr denn hier?“
Diese Frage haben wir in vier Tagen bestimmt fünfzig Mal gehört. Fast immer mit einem Grinsen, nie unfreundlich. Es war die perfekte Eröffnung.
Denn dann erzählst du von Yvonne, und das Gespräch kippt. Nicht bei allen. Aber bei erstaunlich vielen.
Es kamen Pflegekräfte, die im Alltag mit Ports arbeiten und im Urlaub eigentlich nicht über Arbeit reden wollten und es dann doch getan haben. Es kamen Onkologen. Es kamen Menschen, die selbst Erfahrung mit künstlicher Ernährung haben und noch nie jemandem begegnet sind, der das Thema kennt. Yvonne selbst war immer wieder am Stand und wurde erkannt, angesprochen, umarmt. Viele hatten den Film gesehen.
Vor allem aber kamen Angehörige.
Ein Gespräch ist geblieben. Ein Mann erzählte, dass er zwei Wochen zuvor seine Mutter verloren hatte. Sie hatte irgendwann aufgehört zu essen und war dann zu schwach, um wieder anzufangen. Er hatte nie gehört, dass Mangelernährung etwas ist, das man erkennen und behandeln kann. Sein Satz war sinngemäß: Das hätte ich früher wissen müssen. Vielleicht hätte das etwas geändert.
Danach steht man ein paar Minuten einfach nur da.
Wir wollen daraus nichts überhöhen. Wir haben auf einem Festival Sonnenbrillen verkauft, wir haben keine Leben gerettet. Aber wir haben in diesen vier Tagen sehr direkt gespürt, wie groß die Lücke zwischen dem Thema und dem Wissen darüber ist. Krankheitsbedingter Gewichtsverlust wird übersehen. Bei Krebs, bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, im Alter, nach Operationen. Mangelernährung steht selten auf einem Totenschein. Sie sorgt nur dafür, dass Therapien schlechter wirken, Wunden schlechter heilen und Menschen schwächer werden, als sie sein müssten.
Auf unserem Flyer war deshalb ein QR-Code, der direkt zu einem kostenlosen Test auf Mangelernährung führt. Der wurde oft gescannt. Wenn wir eine einzige Zahl aus diesem Wochenende mitnehmen dürften, wäre es diese und nicht der Umsatz.

2.400 Euro, und was damit passiert
Wir hatten Shirts dabei, Sonnenbrillen, Fischerhüte und Staubmasken. Der Erlös war von Anfang an komplett als Spende eingeplant.
Am Ende waren es 2.400 Euro. Zur Hälfte für Metality e.V., zur Hälfte für unsere Kollegin Johanna.
Der Verkaufsschlager war mit Abstand die Staubmaske. Drei Euro. Bei dem Staub auf dem Gelände hätten wir vermutlich das Dreifache verkauft, wenn wir mehr dabeigehabt hätten. Vermerkt für nächstes Jahr.
Was uns wirklich umgehauen hat, war etwas anderes. Sehr viele Leute haben fünf Euro hingelegt und den Rest einfach dagelassen. Ohne Diskussion, ohne dass wir fragen mussten. Und es gab Spenden ganz ohne Gegenleistung, von Menschen, die nichts mitnehmen wollten außer der Information, wofür gesammelt wird.
Kostenlos gab es Elektrolytsticks. Die waren nicht nur bei den Besucherinnen und Besuchern beliebt, sondern auch bei der Festival-Crew, die vier Tage in derselben Hitze gearbeitet hat. Wer nachmittags um zwei jemandem vom Aufbau ein Elektrolytgetränk in die Hand drückt, hat für den Rest des Festivals einen Freund.

Metality e.V.
Metality ist ein Verein aus der Szene für die Szene. Projekte wie „666 Schlafsäcke“ für wohnungslose Menschen oder „Black Dog“ zum Thema Depression zeigen ziemlich gut, was mit „Metal hält zusammen“ gemeint ist. Unsere Spende ist bewusst nicht zweckgebunden. Der Verein weiß selbst am besten, wo es gerade brennt.
Johanna
Johanna ist unsere Kollegin. Sie hat im Bereich künstliche Ernährung gearbeitet, bis eine Virusinfektion alles gekippt hat. Sie ist an ME/CFS erkrankt, dem Chronischen Fatigue-Syndrom.
Das schreiben wir hier ausführlicher, weil es ständig missverstanden wird: ME/CFS ist keine Müdigkeit, die man wegschlafen kann. Es ist eine schwere chronische Erkrankung, die Nerven-, Immun- und Energiestoffwechsel betrifft. Das Kernmerkmal heißt Post-Exertionelle Malaise. Übersetzt: Schon kleine Belastungen verschlechtern den Zustand massiv, oft erst Stunden oder Tage später. Ein Telefonat kann drei Tage kosten.
Arbeiten kann Sie seit 4 1/2 Jahren nicht. Wir geben jedoch die Hoffnung nicht auf, dass Johanna eines Tages wieder ein aktives Teammitglied unsere Confido Truppe ist.

Mach weiter, wo wir aufgehört haben
- Kostenlosen Test auf Mangelernährung machen
- „Diagnose: Festivalfieber“ ansehen (49 Min., kostenlos)
- Johanna unterstützen
- Metality e.V. unterstützen
- Mehr zum Thema Mangelernährung
Danke
Danke an Yvonne. Ohne dich gäbe es weder den Film noch diesen Stand noch diesen Text. Du warst über die Tage immer wieder bei uns, und wir haben erlebt, wie wildfremde Menschen auf dich zugekommen sind, weil sie deine Geschichte kennen. Das war deine Leistung, nicht unsere. Danke auch an Andy Brings und das Team von Twinflame Productions, die daraus einen Film gemacht haben, der niemanden vorführt.
Danke an Metality e.V. und an die Hardcore Help Foundation. Ihr habt uns nicht wie einen Firmenstand behandelt, sondern wie Nachbarn. Danke für die Gespräche zwischendurch, für die Einordnung, für die Offenheit. Ihr seid zwei ziemlich gute Beispiele dafür, wie viel eine Handvoll Leute bewegen kann, wenn sie einfach anfangen.
Danke an das Summer Breeze Open Air. An die Orga, an die Crew, an alle, die vier Tage lang in dieser Hitze dafür gesorgt haben, dass 45.000 Menschen sicher feiern können. Ihr habt einem Anbieter für Infusionstherapien einen Platz auf eurem Gelände gegeben, ohne lange zu diskutieren, ob das zusammenpasst. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Danke an unser Standteam und an alle in Münster, die in der Zeit den Laden am Laufen gehalten haben. Vier Tage Staub und Hitze, aufbauen, reden, nachfüllen, abbauen, und trotzdem gute Laune. Unsere Patientinnen und Patienten haben von unserer Abwesenheit nichts gemerkt. Genau so sollte es sein.
Danke an alle, die etwas gekauft oder gespendet haben. An die, die fünf statt drei Euro hingelegt haben. An die, die nichts wollten und trotzdem etwas gegeben haben. An die, die einfach stehengeblieben sind und zugehört haben.
Ihr habt einer Szene, die von außen gern als laut und rau gelesen wird, im Umgang mit einem sehr leisen Thema ein ziemlich gutes Zeugnis ausgestellt.
Bis nächstes Jahr.



